ADHS & sensorische Empfindlichkeit – Warum Geräusche, Gerüche, Berührungen oder Licht für dich extrem sein können (auch wenn du nicht autistisch bist)
- Sandra Pullner
- 29. März
- 3 Min. Lesezeit
Wie sensorische Über- und Unterempfindlichkeiten bei ADHS entstehen, warum sie oft mit Autismus verwechselt werden, welche Alltagssituationen besonders belastend sind und wie du dein Nervensystem sensorisch entlastest.
Sensorische Empfindlichkeit wird oft mit Autismus in Verbindung gebracht –doch viele ADHS-Betroffene erleben genauso starke sensorische Reaktionen:
Geräusche, die körperlich wehtun
bestimmte Stoffe oder Etiketten auf der Haut, die unerträglich sind
Gerüche, die dich überfordern
Licht, das dich reizt oder nervös macht
Geschmäcker oder Texturen, die „zu viel“ sind
schnelle Reizüberflutung in Supermärkten, Cafés oder Großraumbüros
Das ist kein Einbildung, kein „zu sensibel sein“und auch kein Zeichen dafür, dass du automatisch im Autismus-Spektrum bist.
Die sensorische Empfindlichkeit bei ADHS ist neurologisch erklärbar– und sie verdient endlich Aufmerksamkeit.
1. Warum ADHS sensorische Empfindlichkeit erzeugt
ADHS betrifft nicht nur Aufmerksamkeit, Emotionen und Exekutivfunktionen –sondern auch die sensorische Informationsverarbeitung.
Hier die wichtigsten Gründe:
1. Reizfilterung ist reduziert
Das ADHS-Gehirn filtert weniger Reize aus.Alles kommt gleichzeitig rein:
Geräusche
Stimmen
Licht
Bewegungen
Gerüche
Berührungen
Resultat: Overload.
2. Nervensystem schwankt zwischen Über- und Untererregung
ADHS ist ein regulationsbasiertes Thema.Sensorische Reize treffen auf:
Übererregung → zu viel!
Untererregung → Reizsuche
Beide Extreme machen dich sensibler.
3. emotionale Dysregulation verstärkt sensorische Reize
Wenn Emotionen hoch sind, werden Reize intensiver erlebt.Wenn Reize intensiv sind, steigen Emotionen – ein Kreislauf.
4. Dopamin spielt eine Rolle
Wenig Dopamin → geringere Reizfilterung.Hohe Reizsensibilität ist fast immer ein Dopamin-Thema.
5. Stress macht sensorische Wahrnehmung lauter
Stress = niedrigere Reizschwelle.Das ADHS-Nervensystem ist durch Alltagsreize ohnehin oft überlastet.
2. Welche Arten sensorischer Empfindlichkeiten bei ADHS häufig sind
Viele ADHS-Menschen erkennen sich in mehreren Bereichen wieder.
A) Geräuschsensibilität (Auditiv)
Typische Trigger:
Essgeräusche
Kauen
Ticken von Uhren
Menschenmengen
offene Büros
hohe Stimmen
Hintergrundgeräusche (z. B. Klimaanlagen)
plötzlich laute Geräusche
Reaktionen:
Stress
Wut
Schreck
körperliches Zusammenzucken
totale Reizüberflutung
B) Licht- und visuelle Reizempfindlichkeit
Trigger:
Neonlicht
flackernde Bildschirme
helle Räume
chaotische Umgebungen
schnelle Bewegungen
Bildschirmarbeit ohne Pause
Resultat:
Migräne
Nervosität
Konzentrationsverlust
Erschöpfung
Augenstress
C) Berührungsempfindlichkeit (Taktile Sensibilität)
Trigger:
Etiketten in Kleidung
bestimmte Stoffe
enge Kleidung
unerwartete Berührung
Wind auf der Haut
Haare im Gesicht
→ führt oft zu Gereiztheit oder körperlichem Unwohlsein.
D) Geruchsempfindlichkeit (Olfaktorisch)
Viele ADHS-Gehirne reagieren extrem auf:
Parfum
Essen
Reinigungsmittel
Rauch
Körpergerüche
Manchmal ist es „zu viel“, manchmal löst es Ekel aus.
E) Geschmack & Textur (Gustatorisch)
ADHS-Betroffene haben oft:
Texturintoleranzen
Ekel vor bestimmten Lebensmitteln
starke Präferenzen
schnelle Überforderung beim Essen
3. Sensorische Überempfindlichkeit vs. Unterempfindlichkeit
ADHS kann beide Extreme haben – oft sogar gleichzeitig:
Überempfindlichkeit (Hypersensitivität)
Alles ist „zu viel“.
Unterempfindlichkeit (Hyposensitivität)
Reize fühlen sich „zu wenig“ an → Reizsuche:
laute Musik
starke Geschmäcker
Bewegung
harte Berührungen
visuelle Stimulation
ständiges Klicken, Tippen, Fummeln
Beides gehört zu ADHS.Nicht zu erkennen, welches Muster du hast, führt zu Stress.
4. Was sensorische Empfindlichkeit im Alltag auslöst
Sensorische Empfindlichkeit beeinflusst:
1. Konzentration
Kleiner Reiz → kompletter Fokusverlust.
2. soziale Situationen
Lärm + viele Menschen → Shutdown oder Rückzug.
3. Reizüberflutung im Haushalt
Visuelles Chaos → mentaler Overload.
4. Essen
Texturen → eingeschränkte Ernährung.
5. Beziehungen
Berührung oder Geräusche → Konflikte, wenn man nicht darüber spricht.
6. Arbeit
Großraumbüros = oft Horror.
7. Selbstwert
Viele denken: „Was stimmt nicht mit mir?“Die Antwort: Nichts. Dein Nervensystem funktioniert anders.
5. Strategien, um sensorische Empfindlichkeit bei ADHS zu regulieren
Hier die wirksamsten Tools.
A) Akutstrategien – für sofortige sensorische Entlastung
1. Reizblocker
Noise-Cancelling-Kopfhörer
Sonnenbrille
Mütze/Kapuze
Ohropax
Softwear-Kleidung
2. Sensorische „Auszeit“
z. B.:
dunkler Raum
ruhiger Ort
1 Minute Augen schließen
tiefe Atmung
3. Berührung zur Regulation
Manchmal hilft Druck:
Weighted Blanket
fester Druck auf Brustkorb
feste Umarmung (nur wenn angenehm)
B) Mittelfristige Strategien
1. Reizmanagement im Alltag
weniger visuelles Chaos
klare Farben
weniger Deko
Ordnung als Nervensystempflege
2. Körperregulation (Somatik)
Sensorik hängt stark am Nervensystem:
Vagus-Stimulation
Atemarbeit
Bewegung
Dehnung
kaltes Wasser
3. klare sensorische Grenzen
Kommunizieren:
„Geräusche überfordern mich schnell.“
„Ich brauche weiche Kleidung.“
„Ich brauche weniger Licht.“
4. Essen & sensorische Toleranz langsam erweitern
Nicht erzwingen – ausprobieren.
C) Langfristige Strategien
1. Reizfreundliche Wohnräume
ADHS-Wohnräume müssen „nervensystemfreundlich“ sein:
gedämpftes Licht
klare Linien
weiche Materialien
ruhige Farben
2. Sensorische Routinen
z. B.:
morgens Licht langsam steigern
abends Licht reduzieren
Zwischenpausen für Augen & Ohren
3. Dopaminbalanciertes Leben
Stabile Dopaminspiegel → weniger Reizempfindlichkeit.
4. Schlaf optimieren
Schlafmangel = niedrigere Reizschwelle.
6. Die Stärken hinter sensorischer Empfindlichkeit
Sensorik ist nicht nur Belastung.ADHS-Menschen mit sensorischer Sensibilität sind oft:
empathisch
intuitiv
kreativ
detailorientiert
sensibel für Atmosphäre
sensibel für Qualität (z. B. Geschmack, Musik, Kunst)
sehr wahrnehmungsstark
Sensorik ist eine Fähigkeit, die nur schwer in eine reizüberladene Welt passt.In einer passenden Umgebung ist sie eine Ressource.
Fazit: Deine sensorische Empfindlichkeit ist kein Drama – sie ist ein hochfeines Nervensystem, das Schutz, Klarheit und Regulation braucht
Du bist nicht „zu empfindlich“.Du bist neurodivergent.
Dein Nervensystem nimmt mehr, intensiver und genauer wahr.Mit den richtigen Strategien wird aus sensorischem Stress:
Klarheit
Ruhe
Stabilität
Genuss
Selbstschutz
Selbstverständnis
Du musst dich nicht abhärten.Du musst deine Sensorik verstehen –und sie ernst nehmen.

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